Antwort auf „Die fetten Jahre sind vorbei“ (K. Nocun)

Die Bloggerin Kattascha zeichnet in einem neuen Artikel vom 24. Juli 2018 ein sehr düsteres Bild von der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland und Europa. Der Erfolg von der AfD und anderen “Populisten” stößt ihr sehr übel auf – sie ist nämlich eine Linke.

Ich könnte mich jetzt in Schadenfreude üben, aber stattdessen versuche ich lieber, einen Dialog herzustellen…

Denn: Wir sollten ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass unsere politischen Gegner in den meisten Fällen gar keine bösen Absichten hegen, sondern fundamental andere Lebensläufe, Interessen, Ängste und Sorgen haben als wir – die wahrscheinlich allesamt auf ihre Weise legitim sind.

[Mit Nachtrag vom 23.09.2018]

Liebe Kattascha,

ich bin AfD-Mitglied seit 2013 und ich lege stets großen Wert darauf, dass man miteinander redet, anstatt übereinander. Leider wird die sachliche Debatte oft von linker Seite abgelehnt. Das hält mich jedoch nicht davon ab, es immer wieder zu versuchen. Dieses Mal versuche ich es mit dir.

Es geht mir darum, dass wir füreinander mehr Verständnis entwickeln. Die zunehmende gegenseitige Dämonisierung im politischen Betrieb bereitet mir Sorge. Es scheint, die Gesellschaft driftet immer weiter auseinander. Gefühlt gibt es nur noch zwei große Lager: Das Lager der “Populisten” und das Lager derjenigen, die sich für die wahren Demokraten halten.

Mein Geschichtslehrer aus der 6. Klasse pflegte zu sagen, dass man einen Menschen erst dann wirklich verstehen kann, wenn man seine Geschichte kennt. Persönliche Erlebnisse, insbesondere in Kinder- und Jugendjahren, prägen uns nun einmal besonders stark und beeinflussen, wie wir alltägliche Ereignisse und Zeitungsmeldungen wahrnehmen.

Wenn ich beispielsweise etwas von Migrantengewalt lese, dann fühle ich mich zurückversetzt in meine Kindheit und Jugend, in der ich viele sehr unschöne Erfahrungen mit Marokkanern und anderen “arabisch” aussehenden Jungs gesammelt habe. Die haben uns mit ihren großen Brüdern oder Cousins im Rücken bedroht, auf die niederträchtigste Art und Weise gedemütigt und provoziert und manchmal unverhohlen angegriffen. Diese Übergriffe haben mich geprägt, und so wie manche Menschen, die als Kind von einem Hund gebissen wurden, ihr ganzes Leben lang Angst vor Hunden oder zumindest eine gewisse Skepsis haben, so bin ich skeptisch gegenüber Menschen eines ganz bestimmten Schlages (Wortspiel).

Gegen die ausländischen Jungs, die uns damals terrorisiert haben, hege ich heute noch einen ausgeprägten Groll. Man kann sich gar nicht ausdenken, wie hasserfüllt und niederträchtig die gegen uns vorgegangen sind. Sie schicken ihre Pimpfe los, die einem ständig hochprovokant auf die Füße treten, oder einem das Bein stellen, aber man darf sich nicht wehren, weil der 25jährige Cousin in der Nähe ist und jede einzelne Handlung genau beobachtet. Ein falsches Wort, oder einmal den Pimpf falsch angefasst, und es fliegen die Fäuste. Die Lehrer haben davon nur im Einzelfall etwas mitbekommen, meistens war es sowieso zu spät und die Provokateure haben sich längst vom Acker gemacht.

Und wenn die Fäuste geflogen sind, dann richtig. Eine körperliche Auseinandersetzung unter normal sozialisierten Jungs oder jungen Männern läuft anders ab, das kann ich mit Sicherheit sagen. Da kloppt man sich, man übt sich im Kräftemessen, aber danach ist auch wieder gut. Bei den Auseinandersetzungen mit den ausländischen Kindern war jedoch immer deutlich der Wunsch zu spüren, wirklichen Schaden zuzufügen. Ich weiß nicht, Kattascha, ob du dich jemals geprügelt hast, aber man merkt sehr schnell, ob es eine normale Prügelei ist oder eine Prügelei, hinter der echter Hass steckt. Die Schläge werden anders gesetzt, es wird keine Rücksicht auf Verluste genommen. Der Adrenalin-Spiegel steigt in Höhen, die man nicht für möglich gehalten hätte.

Normalerweise hört man auch auf, wenn der Kontrahent aufgibt und sich sozusagen “unterwirft”. Sogar Tiere – zum Beispiel Hunde – hören dann auf – sofern sie nicht charaktergestört sind bzw. fehlsozialisiert sind. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass Hass im Spiel ist: Wenn nicht oder erst mit einiger Verzögerung aufgehört wird. Wenn man auf denjenigen, der am Boden liegt, noch ein paar Mal nachtritt.

Zu guter Letzt macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man Mann gegen Mann, also 1 gegen 1 kämpft, oder ob es sich um eine Schlägerei zwischen einer Gruppe und einem Einzelnen handelt. In Konflikten mit ausländischen Jungs habe ich immer wieder dieselbe Erfahrung gemacht: Die kämpfen in einer Gruppe, ich alleine. Meistens hat man daher von Anfang an auf einen Konflikt verzichtet und ist abgehauen oder hat das getan, was die anderen wollten, bzw. gelassen, was man nicht sollte. Selbst, wenn man einmal nur einen ausländischen Jungen an der Backe hatte, rief der ganz schnell seine Truppe herbei. In meiner Generation hat sich dafür der Begriff “türkisches 1 gegen 1” eingebürgert.

Merke: Bei normalen Streitereien/Prügeleien unter Jugendlichen kämpfen zwei Personen gegeneinander. Unter uns deutschen Jungs galt es als große Feigheit, wenn mehrere auf einen losgegangen sind. Bereits als Kinder hatten wir eine gewisse Vorstellung davon, was einen ehrenhaften, fairen Kampf ausmachte. Die Konstellation 1 gegen 1 war ein wichtiger Teil davon.

Wir haben die Ausländer, die in Gruppen gegen einen einzelnen gehen, immer ein gehöriges Stück für dieses feige Verhalten verachtet. Ich tue das ehrlich gesagt bis heute. Es gibt nichts feigeres und erbärmlicheres. Und ausgerechnet diese Ausländer quatschen so gerne von “Ehre”.

Doch genug von diesem Thema.

Umgekehrt kann ich mit dem “Gendergaga” oft nichts anfangen, also bspw. wenn irgendwelche Menschen als “es” angesprochen werden wollen. Ich habe dazu überhaupt keinen Zugang und kann das überhaupt nicht nachvollziehen. Andere Menschen, für die es einen Zusammenhang zum persönlichen Schicksal gibt, oder die vielleicht jemanden gut kennen, der so fühlt, sehen das wahrscheinlich anders.

Ich kann ebensowenig mit #Metoo anfangen. Ich gehöre zur jüngeren Generation (<30) und kann sagen, dass ich in meinem ganzen schulischen, studentischen und beruflichen Werdegang nie eine echte Diskriminierung einer Frau bzw. eines Mädchens erlebt hätte. Wenn ich ehrlich bin, habe ich eher das Gegenteil erlebt. Als ich studierte (ein MINT-Studiengang), konnte ich regelmäßig beobachten, wie Frauen ständig umworben werden und eine Sonderbehandlung bekommen. Man kommt sich, wenn man es streng sieht, wie ein Mensch 2. Klasse vor. Wenn es überhaupt einen Sexismus heutzutage gibt, dann in der Form von ausufernder Frauenförderung.

So sehe ich das zumindest. Ich bin mir sicher, dass Frauen älterer Jahrgänge einen völlig anderen Blick auf das Thema haben. Wahrscheinlich haben sie in früheren Jahrzehnten, als ich noch gar nicht geboren war, einen viel realeren Sexismus gegen Frauen erlebt.

Und deshalb komme ich darauf zurück:

Man kann einen Menschen nur dann wirklich verstehen, wenn man seine Geschichte kennt.

Wir reden allzuoft aneinander vorbei, wenn wir über politische Maßnahmen streiten.

Wir sollten viel öfter darüber reden, welche Erlebnisse der Vergangenheit und des Alltags uns prägen und unser Denken beeinflussen. Wir sollten ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass unsere politischen Gegner in den meisten Fällen gar keine bösen Absichten hegen, sondern fundamental andere Lebensläufe, Interessen, Ängste und Sorgen haben als wir – die wahrscheinlich allesamt auf ihre Weise legitim sind.


Nachdem das geklärt wäre… In deinem Artikel schreibst du:

“Wir sind Nutznießer einer äußerst glücklichen Anomalie. Einer temporären Anomalie namens Frieden und Demokratie in Europa. Wir wissen einen scheiß darüber, wie zerbrechlich dieses Konstrukt ist. Wir begreifen nicht, was uns jenseits davon erwartet.”

Da stimme ich dir vollkommen zu.

Deshalb habe ich auch sehr wenig Verständnis für Gesellschaftsexperimente à la Multikulti oder noch schlimmer: offene Grenzen für jedermann. Wenn man solche massiven Umwälzungen leichtfertig anstößt, noch dazu ohne das Volk explizit zu fragen, ob es das überhaupt will, dann untergräbt man letztlich die Demokratie und treibt die Massen in die Arme der “Populisten”.

Da braucht man sich doch hinterher nicht zu beklagen, dass die Gesellschaft vor die Hunde geht, wenn man groß angelegte “Experimente” ohne plausible Exit-Strategie veranstaltet.

“Wir halten uns für etwas besseres, als unsere Eltern, Großeltern und deren Eltern. Aber das sind wir nicht.”

Da steckt besonders viel Wahrheit dahinter. Manchmal habe ich den Eindruck, dass man hierzulande auf die Menschen herabschaut, die damals Hitler gewählt haben. So, als würde man das selbst als aufgeklärter Bürger niemals tun. Rückblickend sagt sich so etwas natürlich leicht.

Gerade bei denjenigen, die sich als besonders tolle Sittenwächter aufspielen, hege ich oft den Verdacht, dass sie ganz formidable Mitglieder der NSDAP abgegeben hätten…

“Zurück in die Barbarei

Der sich derzeit vollziehende Rechtsruck der Gesellschaft bedeutet im Kern nichts anderes als Rückfall in die Barbarei. Der Mensch soll dem Menschen wieder ein Wolf werden – es sei denn man ist vom selben Rudel. Konsens und Kompromiss sind auf dem Weg ein Schimpfwort zu werden. Aber wenn das „Volk“ sich immer einig sein soll, dann hat das mit Demokratie nichts mehr zu tun.”

In meinen Augen handelt es sich nicht um einen Rechtsruck, sondern um eine Linksflucht, also um eine Korrektur einer Gesellschaft, die allzustark nach links gedriftet ist. Das ist natürlich eine Frage der Perspektive.

Du gehörst auch eher zur jüngeren Generation, so wie ich. In unserer Generation wird oft vergessen, wie es in den 50er oder 60er Jahren zuging. Der Nationalismus war damals noch völlig normal. Die großen Volksparteien forderten ganz offen die Rückgabe der deutschen Ostgebiete. Auch die “Gastarbeiter” wurden als genau das angesehen: Gäste. Deshalb hat man sich auch keine große Mühe mit Integration gemacht und sie in billigen Plattenbauten untergebracht. Sie sollten ja eh nicht lange bleiben.

Eine Massenzuwanderung wie in den letzten Jahren wäre damals unvorstellbar gewesen. Die Türken, die heute als vergleichsweise gut integriert gelten, galten damals vielen Deutschen als “Kanaken”. Sogar die Italiener und Griechen waren bei vielen Deutschen unbeliebt.

Was ich mit all dem sagen will: Das gesellschaftliche Klima hat sich eigentlich nur minimal nach rechts verschoben, wenn man einmal die 50er, 60er oder 70er Jahre als Vergleichsmaßstab nimmt. Ich persönlich schätze, dass die Gesellschaft in puncto Zuwanderungspolitik wieder ungefähr auf dem Stand des Jahres 2000 ist. Zur Erinnerung: In der ersten großen Asylwelle Anfang der 90er Jahre wurden noch deutlich schärfere Töne angeschlagen, als heute – und das bei deutlich weniger Flüchtlingen.

Wenn man natürlich als einzige Alternative offene Grenzen für alle sieht – ja, dann ist die aktuelle politische Lage desaströs. Aber auch nur dann.

Ein Hinweis zum Schluss. Du schreibst:

“Mir reicht es schon, wenn bis zu meiner Rente die Sozialsysteme nicht zusammenbrechen.”

Mit offenen Grenzen bricht unser ganzes System praktisch über Nacht zusammen. Vielleicht solltest du darüber mal nachdenken. So viele Milliardäre und Millionäre haben wir gar nicht, als dass wir genug zum Umverteilen für die ganze verarmte Weltbevölkerung hätten. So reich ist nicht einmal Deutschland.

Abschließend möchte ich dich bitten, meinen Artikel zu PEGIDA zu lesen. Vielleicht führt es bei dir zu einem Umdenken, wenn du davon erfährst, wie Menschen aus dem linken “weltoffenen” Spektrum mit mir und anderen friedlichen Demonstranten umgegangen sind.

Es ist eine Sache, den Faschismus immer nur bei den anderen zu sehen. Es ist eine andere Sache, sich einmal den Spiegel selbst vorzuhalten bzw. sich an die eigene Nase zu fassen.

Viele Grüße,
Robert Nitsch

Nachtrag vom 23.09.2018: Ich habe bis heute keine Reaktion von Katharina Nocun erhalten. Ich habe zu ihrem Blog-Artikel einen Kommentar geschrieben, in dem ich auf meine Antwort verwiesen habe. Dieser Kommentar wurde nicht freigeschaltet. Zum Test habe ich auch einen “neutralen” Kommentar unter einer anderen Identität geschrieben; er wurde freigeschaltet. Zusätzlich habe ich Frau Nocun per EMail kontaktiert und sie auf mein Dialogangebot aufmerksam gemacht. Ich erhielt bis heute keine Antwort. Daher gehe ich aktuell nicht davon aus, dass Frau Nocun an einem Dialog interessiert ist. Schade.

***

Das Foto/Titelbild stammt von Tobias M. Eckrich und steht unter der folgenden Lizenz zur Verfügung: CC BY 2.0. Gefunden auf: Wikimedia Commons

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2 Gedanken zu „Antwort auf „Die fetten Jahre sind vorbei“ (K. Nocun)

  1. Wieder einmal hervorragend geschrieben und argumentiert. Ich bin sehr gespannt, ob Kattascha sich einer fairen Diskussion stellt oder sich wieder hinter der ekelhaft normativen Wand versteckt, wie so viele Gutmenschen.

  2. Schade, daß Katharina nicht auf dein Angebot eingegangen ist. Das wäre extrem spannend geworden. Über die Gründe kann man nur spekulieren, was ich nicht tun will. Sie hätte aber wenigstens in einer kurzen Antwort absagen können, deswegen kann ich ihr den Vorwurf fehlender Souveränität nicht ersparen.

    Ich habe auch zwei „linke“ Freunde, die ich persönlich sehr geschätzt habe, verloren. Zwar nicht im Dissens über aktuelle Politik, aber in Bezug auf die Einschätzung der DDR, die wir alle drei in voller Länge erlebt haben. Dies scheint mir für meine, ältere Generation charakteristisch zu sein: es gibt da andere Trennungslinien.

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