Was ist Sachlichkeit?

Ich wurde gerade auf Twitter gefragt, was Sachlichkeit ist, und gebe mal meinen Senf dazu…

Zunächst zur Frage auf Twitter:

“Was ist denn Sachlich?”

Quelle: Tweet von “MussnichD”, 14.05.2018

In diesem Artikel definiere ich daher den Begriff Sachlichkeit im modernen umgangssprachlichen Sinne, wobei sich also alles um Objektivität & Rationalität dreht.

Das hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber ich werde einige Aspekte nennen, die mir persönlich besonders wichtig sind.

Unbefangenheit, Unabhängigkeit

Sachlichkeit in diesem Sinne hat vor allem etwas damit zu tun, dass man unbefangen und unabhängig ist. Man ist frei von einem festgefahrenen Weltbild, also von Dogmen oder Ideologie.

Ein sachorientierter Mensch ordnet seine persönlichen Befindlichkeiten, Vorlieben und vorgefertigten Meinungen zum Zwecke der Wahrheitsfindung unter. Er ist bereit, alles, was er glaubt, zu hinterfragen und in Angesicht neuer Informationen anzupassen oder komplett umzuwerfen. Er nutzt Fakten dazu, seine Theorien bzw. sein Weltbild anzupassen, und nicht umgekehrt. Ihm ist der Mechanismus des confirmation bias bewusst und er kämpft dagegen an, selbst davon betroffen zu sein. Fehler einzugestehen und zu korrigieren ist schmerzhaft, aber diesen Schmerz kann er aushalten, weil ihm die Wahrheit wichtiger ist als die Vermeidung kognitiver Dissonanz. Ihm ist bewusst, dass das Festhalten an Irrtümern auf Dauer viel mehr Energie kostet als die Korrektur.

Das Denken unbefangener Menschen ist auch nicht von Gruppen- bzw. Herdendenken beeinflusst, also möglichst frei von tribalistischen Instinkten. Man sieht und fühlt sich nicht als Angehöriger eines Lagers bzw. einer Gruppe, sondern denkt und handelt als Individuum. Auf diese Weise gerät man nicht in die Falle, etwas zu verteidigen, das eigentlich scheiße ist, nur weil es von jemandem aus dem “eigenen Lager” verantwortet wird – sondern man kann es genauso bereitwillig kritisieren wie etwas, das vom “feindlichen” Lager falsch gemacht wird. Umgekehrt widersteht man der Verlockung, alles vom anderen Lager aus Prinzip scheiße zu finden, allein weil es von den anderen kommt (z.B. Anträge von der AfD im Parlament).

Einem sachlichen Menschen sind also festgefahrene Freund- und Feindbilder fremd. Er findet weder Muslime/den Islam grundsätzlich scheiße, noch die AfD oder PEGIDA und ihre Anhänger. Die Pauschalisierung ist ihm zuwider und er weiß, dass es in jeder Gruppe solche und solche gibt. Er sieht also nicht nur sich selbst vorrangig als Individuum, sondern auch alle anderen Menschen. Das Denken in Schubladen/Lagern hingegen vermeidet er.

Universelle Maßstäbe

Für einen sachlichen Menschen gelten immer universelle Maßstäbe. Die Werte, die er vertritt, gelten universell, das heißt für alle Menschen und Sachen.

Ein gutes Negativbeispiel in dieser Hinsicht sind unterschiedlich hohe Ansprüche an Informationen: Die meisten Menschen “sympathisieren” schnell mit Informationen, die ihr Weltbild bestätigen. Sie sind dann nicht so kritisch und achten nicht so sehr auf methodische Fehler, z.B. in Studien oder Statistiken. Umgekehrt neigen viele Menschen dazu, jedes Haar in der Suppe zu finden, wenn es sich um Informationen handelt, die dem eigenen Weltbild zuwiderlaufen.

Zum Beispiel gibt es aus linker Sicht gute und böse Einzelfallsammlungen bzw. -karten. Wenn es um die Abbildung von flüchtlingsfeindlicher Gewalt geht, dann sind die entsprechenden Einzelfallsammlungen eine gute Sache, um auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Die dazugehörigen Überschriften lauten beispielsweise “Flüchtlinge überall in Deutschland in Gefahr”. Diese Projekte gelten als wichtiges Instrument zur Aufklärung der Bevölkerung. Wenn es hingegen um die Abbildung von Straftaten seitens Flüchtlingen und Zuwanderern geht, dann kommen die Linken zu einer ganz anderen Bewertung. Auf einmal wird der Vorwurf einer plumpen Stimmungsmache erhoben. „So soll der Eindruck geschaffen werden, dass Deutschland überzogen ist von einer massenhaften Kriminalität von Flüchtlingen und Migranten.“

Dabei machen Linke und Rechte strukturell genau dasselbe. Dennoch wird das jeweils andere Projekt als “Stimmungsmache” kritisiert, und zwar mit Argumenten, die auf das eigene Projekt streng genommen genauso zutreffen. Das ist ein Beispiel für Lagerdenken, Doppelmoral und confirmation bias.

Ein anderes negatives Beispiel für nicht-universelle Maßstäbe sind unterschiedliche hohe Ansprüche an das Verhalten von Gruppen. Das Verhalten der Gruppe, die man als die eigene wahrnimmt, wird meist viel verständnisvoller und nachsichtiger bewertet, als das Verhalten der feindlichen Gruppe (das ist wieder dieser Tribalismus, also das Stammesdenken). Man vergleiche zum Beispiel das Auftreten rechter Hooligans und das der sogenannten “Antifa”. Die Methoden, die sie anwenden und auf die sie abfahren, sind relativ ähnlich, aber die Antifa wird von vielen Linken ständig verteidigt. Dagegen werden schon vergleichsweise harmlose Vorfälle der rechten Hooligans als Vorläufer eines wiederkehrenden dritten Reiches ausgelegt. Dass die Linksextremen mit Hamburg und Frankfurt am Main ganze Großstädte in Brand gesteckt haben, findet bei vielen Linken hingegen nicht ansatzweise so viel Gehör.

Win-win-Diskussionen und aktives Zuhören

Sachliche Menschen sind fähig zur Diskussion mit Andersdenkenden. Ihre Motivation dabei ist die gemeinsame Wahrheitsfindung. Es geht also nicht darum, den anderen in der Diskussion “zu schlagen”, also den Diskurs für sich zu entscheiden. Sie sehen eine Diskussion nicht als etwas an, bei dem die eine Seite gewinnt und die andere Seite verliert. Sondern sie sehen im Austausch der Meinungen und Informationen einen Weg zum beidseitigen Erkenntnisgewinn. Wir sitzen alle im selben Boot und jeder Mensch kennt nur einen Teil der Wahrheit. Jeder Mensch hat eigene Lebenserfahrungen, die sich von den Erfahrungen anderer Menschen völlig unterscheiden können. Ein aufgeklärter Mensch ist sich dieser Vielfalt bewusst.

Daher können sachorientierte Menschen auch viel besser zuhören als die meisten anderen Menschen. Sie versuchen wirklich, den anderen zu verstehen, und hören bis zum Ende zu. In Gedanken sind sie nicht die ganze Zeit damit abgelenkt, eine möglichst schlagkräftige Entgegnung zu finden, sondern sie sind vielmehr damit beschäftigt, diesen Impuls zu unterdrücken und ihr festgefahrenes Weltbild zur Disposition zu stellen, indem sie versuchen, das Gute und Richtige zu sehen, in dem, was der andere vorträgt.

Man erkennt das unter anderem daran, dass sachorientierte Menschen nicht immer sofort antworten, sondern dass sie Denkpausen zulassen. Schon gar nicht fahren sachorientierte Menschen anderen über den Mund. Man lässt einander ausreden.

Es geht nunmal nicht um die Verteidigung der eigenen Meinung und daher auch nicht um die Abwehr von Angriffen. Sachliche Menschen sind Diskussions-Pazifisten. Es geht um einen Informationsaustausch und das gemeinsame Hinterfragen zum Zwecke des Erkenntnisgewinns. Die Haltung eines aufgeklärten Menschen ist nicht, dass man die Wahrheit bereits gefunden hat und für diese Wahrheit “streitet”, sondern dass Wahrheitsfindung einfach ein ewiger Prozess ist, der niemals endgültig abgeschlossen sein wird. Und zu diesem Prozess gehört der ständige Austausch mit anderen Menschen.

Das Gesagte zählt, nicht die Person

Wenn man es mit der Sachlichkeit ernst meint, dann sind Geschlecht, Herkunft, Einkommen und Vermögen eines Menschen bei der Bewertung seiner Argumente irrelevant. Die geradezu paradoxe Obsession unserer Gesellschaft mit oberflächlichen Merkmalen wie Geschlecht oder Abstammung geht mir von allen Dingen wahrscheinlich am meisten auf die Nerven.

Nur, weil ich ein weißer bio-deutscher Mann bin, werden feminismuskritische oder frauenkritische Aussagen meinerseits von weiten Teilen unserer Gesellschaft sofort unter den Verdacht des Sexismus bzw. der Frauenfeindlichkeit gestellt.

Nur, weil ich ein weißer bio-deutscher Mann bin, werden zuwanderungskritische Kommentare meinerseits von weiten Teilen unserer Gesellschaft sofort unter den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit gestellt.

Migrantinnen und Juden auf der anderen Seite dürfen sich fast alles erlauben. Sie können exakt dieselben Worte aussprechen, wie ich, aber es wird vollkommen anders bewertet. Es ist, als würde mit weißen bio-deutschen Männern automatisch ein schwerer charakterlicher Mangel assoziiert.

Ich sehne mich nach einer Zukunft, in der ich genauso offen reden darf, wie ein Jude oder wie Migrantinnen. Eine Zukunft, in der man mir als Angehöriger einer bestimmten Bevölkerungsgruppe nicht automatisch ständig niederträchtige Motive unterstellt.

Keine Moralisierung, keine Beißreflexe, keine Denkverbote

Besonders schädlich für eine sachliche Debatte sind gesellschaftliche Tabus und Hypermoral. Dabei handelt es sich oft um Tretminen, um Fallen, in die man unter keinen Umständen hineintappen darf, weil ansonsten die eigene Glaubwürdigkeit sofort dahin und die Diskussion beendet ist. Das ist ziemlich bedenklich.

Denn in der Politik geht es vielfach um einen Konflikt zwischen der Verantwortungsethik und der Gesinnungsethik. Die Verantwortungsethik denkt die Dinge zu Ende und bewertet politische Maßnahmen in Hinblick auf ihre langfristigen Konsequenzen. Die Gesinnungsethik ist emotionaler geprägt und hängt in der Gegenwart. Die ständige Moralisierung in unserer Gesellschaft hat leider zu einem starken und schädlichen Übergewicht der Gesinnungsethik geführt, weil sie auf den ersten Blick (!) moralischer wirkt.

Ein Beispiel: Natürlich erscheint humanitäre Hilfe für Afrika angebracht. Hungernde Menschen leiden fürchterlich und man verspürt sofort einen Impuls, diesen Menschen zu helfen und ihnen eine bessere Versorgung zukommen zu lassen. Der Gesinnungsethiker wird dies dann auch als das einzig moralisch richtige hinstellen. Der Verantwortungsethiker hingegen wird die Frage aufwerfen, was die langfristigen Folgen einer solchen Politik sind, zum Beispiel, dass sich die afrikanische Population durch die Hilfsmaßnahmen umso mehr vergrößern wird und dadurch in 20 Jahren ein noch größerer Mangel besteht, und also noch mehr Menschen leiden. Eine humanitäre Politik, die darauf abzielt, den Hunger in Afrika zu stillen, ohne gleichzeitig wirksame Gegenmaßnahmen gegen einen noch weiteren Bevölkerungszuwachs zu treffen, geht völlig ins Leere.

Wie kann man aber so etwas frei diskutieren, wenn die Gesellschaft schon so hypermoralisiert ist, dass alleine der Gedanke daran als etwas diabolisches gilt? Wenn man gleich moralisch vorverurteilt wird, wenn man in diese Richtung denkt?

Dabei ist es durchaus ein wichtiges Anliegen. Der Verantwortungsethiker fragt völlig berechtigt: Was nützt es, wenn man das Leid in der Gegenwart lindert, wenn dadurch das Leid in der Zukunft umso größer wird? Das sollte man offen und ohne moralistische Beißreflexe diskutieren können.

Viele politische Forderungen seitens der Konservativen wirken aufgrund dieser unterschiedlichen Denkweisen auf den ersten Blick unmenschlich, teilweise sogar menschenverachtend. Wenn man die Dinge zu Ende denkt, kehrt sich das Bild allerdings in vielen Fällen um: Dann wirken die linken Forderungen aufgrund ihrer langfristigen Folgen plötzlich unmenschlich und menschenverachtend, und die konservativen erscheinen vergleichsweise menschlich.

Linke Forderungen laufen oft auf eine kurzfristige Verbesserung, aber auf einen langfristigen Niedergang hinaus. Konservative Forderungen laufen oft auf eine kurzfristige Verschlimmerung, aber auf eine langfristige Verbesserung hinaus. Deshalb haben in Wahrheit die Linken einen inhärenten populistischen Vorteil.

Wer immer mehr Schulden aufnimmt, dem geht es solange gut, bis der finale Zahltag kommt. Das Mehr an Konsum in der Gegenwart wird bezahlt mit einem Weniger an Konsum in der Zukunft. Wer harte Drogen nimmt, fühlt sich für den Moment besser, aber langfristig baut er ab.

Wer spart, dem geht es für den Moment schlechter, aber langfristig gewinnt er zunehmend finanzielle Unabhängigkeit.

Kurz zusammengefasst: Ein sachlicher Mensch ist sich bewusst, dass viele Dinge auf den ersten Blick ganz anders erscheinen. Wenn man die Dinge zu Ende denkt – und das braucht Zeit und Diskussion – gestaltet sich vieles ganz anders.

Schluss

Mehr fällt mir erstmal nicht ein. Ich fasse nochmal kurz die wesentlichen Punkte zusammen:

  • Unbefangenheit, Unabhängigkeit. Kein Tribalismus/Schubladendenken.
  • Universelle Maßstäbe. Keine Doppelmoral.
  • Diskussionen gelten als Win-Win-Angelegenheit zum beidseitigen Erkenntnisgewinn. Es geht nicht um ein “Gewinnen” der Diskussion. Wahrheitsfindung ist ein ewiger Prozess.
  • Das Gesagte zählt, nicht die Person
  • Freies Denken, ohne moralische Vorverurteilung

Leider muss ich feststellen, dass unsere Gesellschaft in diesem Sinne überhaupt nicht sachlich oder aufgeklärt ist. Man hat den Eindruck, dass es in jeder Talk-Show nur noch darum geht, die anderen fertig zu machen. Es gibt keine Denkpausen, und die meisten Teilnehmer, vor allem Politiker, versuchen penetrant das Wort an sich zu reißen und möglichst viel zu reden. In “Talk-Shows” aus früheren Zeiten war es zwar üblich, dass die Politiker sich auchmal derbe an den Kragen gingen, aber es gab eben auch dieses Hinterfragen, dieses Nachdenken. Man zog mal an der Pfeife und dachte für einige Zeit über das Gesagte nach.

Im Bundestag geht es auch nicht um die Sache. Die CDU hat zum Beispiel einen AfD-Antrag abgelehnt, obwohl er dem eigenen CDU-Parteiprogramm entspricht. Das ist absurd.

Was soll aber aus einer Generation werden, die von frühster Kindheit an über die Medien nur noch diese unproduktiven Schlagabtäusche konsumiert? Für die alles moralisch ist und die gar nicht mehr lernt, die Dinge auch mal zu Ende zu denken und aus einer anderen Perspektive zu sehen. Eine Generation, für die es normal ist, dass man Anhänger einer Partei wie die AfD per se als unglaubwürdig und bösartig abstempelt, und ihnen gar nicht erst zuhört.

Ist das aufgeklärt? Ist das eine Bildung im humanistischen Sinne? Wohl kaum. Materiell geht es uns ja bestens, aber geistig sind wir auf dem Weg zur Hexenjagd des Mittelalters…

Bei PEGIDA Frankfurt wurde ich 2015 von vielen jungen Leuten mit Tierfutter, Steinen und Flaschen beworfen. Und die fanden das auch noch amüsant. Wie im Mittelalter: Immer drauf auf das “Pack”, und die selbstgerechte Menge grölt und hat ihren Spaß. Und die Presse ermöglicht und unterstützt das mit ihrer extrem tendenziösen Berichterstattung. Geilo.

Etwas mehr Differenzierung würde uns gut tun, vor allem den Linken, die so gerne davon reden.

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Ein Gedanke zu „Was ist Sachlichkeit?

  1. Das ist eine tolle Zusammenstellung, die ich jedem empfehlen kann, der politische Diskussionen führt.

    Sehr interessant fand ich den Gedanken über die kurz- und langfristigen Folgen von linkem und konservativem Gedankengut. Das stimmt mit meinen empirischen Erfahrungen überein.

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