Der Wahl-O-Manipulator

Seit dem 30. August ist der Wahl-O-Mat für die Bundestagswahl 2017 freigeschaltet. Es handelt sich dabei um ein Frage-Antwort-Tool der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Das Tool soll zeigen „welche zu einer Wahl zugelassene Partei der eigenen politischen Position am nächsten steht.“ In Wahrheit ist der Wahl-O-Mat aber scheinbar gezielt so konzipiert, um die großen Parteien zu bevorzugen und kleine Parteien zu benachteiligen.

Die Idee ist an und für sich gut: Man beantwortet einfach 38 Fragen bzw. Forderungen zu ganz verschiedenen Themen mit „Ja“, „Neutral“ oder „Nein“ – und kann auf diese Weise herausfinden, welche Parteien mit der eigenen Position am stärksten übereinstimmen. So wird der Wahl-O-Mat auch fast überall beworben.

Die Sache hat jedoch leider einen Haken: Nachdem man sich durch die 38 Thesen gearbeitet hat, muss man noch – völlig unverhofft – eine Auswahl treffen: Bis zu acht Parteien kann man selektieren. Die 32 Parteien, die in dem Tool zur Verfügung stehen, werden dabei in der Reihenfolge angezeigt, die ihrem Wahlergebnis bei der letzten Wahl entsprechen. (Diejenigen, die noch nie teilgenommen haben, werden am Ende alphabetisch aufgeführt.) Das heißt, dass die ohnehin schon bekannten Parteien eine besonders vorteilhafte Platzierung genießen.

Dadurch wird aber der ursprüngliche Zweck torpediert: Man erhält eben nicht eine Auflistung der Parteien, mit denen man die größte Übereinstimmung hat, sondern es werden nur die Ergebnisse für die Parteien angezeigt, die man ausgewählt hat – das sind maximal acht Stück. Wenn man wirklich die Übereinstimmung mit allen Parteien in Erfahrung bringen möchte, muss man vier Mal hintereinander jeweils verschiedene acht Parteien auswählen und die Ergebnisse dann noch zusammenfassen, um eine vollständige Liste zu erhalten. Man kann wohl nur von den wenigsten Bürgern erwarten, dass sie diesen Aufwand betreiben.

Dabei erklärt die Bundeszentrale für politische Bildung auf ihrer Webseite selbst:

„Der Wahl-O-Mat ist ein Frage-Antwort-Tool, das zeigt, welche zu einer Wahl zugelassene Partei der eigenen politischen Position am nächsten steht.“

Dieses Ziel wird aber erkennbar verfehlt durch die offensichtlich zweckfremde Einschränkung auf maximal acht Parteien, die dazu völlig im Widerspruch steht. Der Aufwand, um die behauptete Auskunft (für alle Parteien) doch zu erhalten, ist schließlich so groß, dass die wenigsten Bürger ihn betreiben werden. Eigentlich ist es unzumutbar.

Ich persönlich kann es mir nur so erklären: Man hat den Wahl-O-Mat offenbar gezielt so konzipiert, dass die etablierten Parteien einen Vorteil haben. Denn es ist klar, dass die meisten Benutzer eher die bekannten Parteien im Blick haben werden. Die Mühe, sich mit den Kleinstparteien zu befassen, wird sich hingegen kaum jemand machen. Der Aufwand, den man betreiben muss, um ein vollständiges Ranking zu erhalten, ist viel zu groß.

Die Bundeszentrale für politische Bildung geht übrigens auf diesen Aspekt in der Rubrik „Häufig gestellte Fragen“ ein. Allerdings entlarvt sie sich damit selbst (Hervorhebung durch mich):

Warum kann ich maximal acht Parteien gleichzeitig in die Auswahl nehmen?

Der Wahl-O-Mat ist ein Angebot zur politischen Bildung und Information, keine Wahlempfehlung. Er möchte zum einen wichtige Fragen der Wahl vorstellen und zum anderen die Auseinandersetzung der Nutzerinnen und Nutzer mit den zur Wahl zugelassenen Parteien unterstützen. Daher liegt in der Handhabung der Fokus auf der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den einzelnen Thesen sowie mit den Parteien und deren Positionen.

Dazu gehört auch, dass die Nutzerinnen und Nutzer zunächst eigenverantwortlich eine Entscheidung darüber treffen, welche Parteien für sie von Interesse sind und sie zur Berechnung des Vergleichs auswählen wollen.

(…)

Der Wahl-O-Mat richtet sich zudem insbesondere an Politik-Neulinge und Erst- und Jungwähler. Hier ist es besonders wichtig, zum einen die eigenständige und bewusste Auseinandersetzung zu fördern, zum anderen aber auch die Ergebnisse möglichst übersichtlich, klar strukturiert und leicht verständlich darzustellen. Dieses Ziel lässt sich mit einer selbst gewählten und immer wieder neu auszuwählenden begrenzten Anzeige der Parteien besser erreichen.

(…)“

Es lohnt sich, die gesamte Stellungnahme zu lesen. Auffallend ist, dass die Beantwortung dieser Frage so viel Raum einnimmt, wie sonst bei keiner anderen Frage auf der Seite. Offenbar herrschte hier eine besonders große Erklärungsnot.

Man könnte sogar von Erklärungsnotstand sprechen. Denn auch der lange Text kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Einschränkung auf acht Parteien unsinnig ist, weil sie mit dem offiziellen Hauptziel in Konflikt steht. Man versucht hier meiner Meinung nach einfach nur, mit vielen Worten den Eindruck zu erwecken, es gäbe irgendeinen sachlichen Grund für diese Umsetzung.

Einer kritischen Betrachtung halten die Phrasen auch nicht stand:

  • Angeblich dient die Einschränkung der „eigenständigen und bewussten Auseinandersetzung“ mit den Parteien. Das ist lachhaft! Das Anklicken bzw. Auswählen von Parteien soll eine „eigenständige und bewusste Auseinandersetzung“ mit den Parteien darstellen?! Stellt das in den Augen der Bundeszentrale für politische Bildung etwa tatsächlich eine „eigenständige und bewusste Auseinandersetzung“ dar? Das wäre in meinen Augen ein ziemlich tiefes Niveau der „Auseinandersetzung“.
  • Des Weiteren wird behauptet, dass man die Ergebnisse damit besser „übersichtlich, klar strukturiert und leicht verständlich“ darstellen könne. Dies ist ebenfalls überhaupt nicht nachzuvollziehen. Man hätte die Darstellung der Ergebnisse genauso übersichtlich und leicht verständlich erreichen können, ohne die Nutzer dazu zu nötigen, eine sinnlose Auswahl zu treffen. Zum Beispiel, indem man bei den Ergebnissen zunächst eine Top 5 oder eine Top 10 anzeigt, und die Nutzer bei Bedarf weiter nach unten „blättern“ lässt. Aus der Perspektive der Software-Entwicklung wäre dies sogar die günstigere Variante: Die zweckfremde Parteien-Auswahl konnte nur mit einem Extra-Aufwand von Steuergeldern umgesetzt werden.

Die offizielle Begründung ist nicht im Geringsten stichhaltig.

In meinen Augen ist die Sache daher klar: Die etablierten Parteien haben bei der Entwicklung des Wahl-O-Mats vermutlich Einfluß genommen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Man hat wohl Angst davor, dass die Bürger auf Kleinstparteien aufmerksam werden könnten, die ihre Interessen vielleicht viel besser vertreten, als die bekannten Parteien. Und wahrscheinlich hofft man insbesondere seitens der CDU darauf, dass die AfD-Diffamierung verfängt und möglichst viele konservative Wähler nicht die AfD in die Auswahl nehmen – die Bürger könnten ja sonst darauf kommen, dass die AfD inzwischen die wahre konservative Partei ist und ihnen viel näher steht als die unter Merkel sozial-demokratisierte CDU.

***

Übrigens: Ich hatte bereits 2013 einen diesbezüglichen Schriftwechsel mit der Bundeszentrale für politische Bildung (offener Brief). Diese Auseinandersetzung können Sie hier nachlesen. Leider wird man daraus auch nicht schlauer, und auf meine letzte Mail habe ich auch keine Antwort mehr erhalten. Man hält sich seitens der bpb wohl lieber bedeckt in dieser Angelegenheit. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

***

Am 6. September 2017 habe ich zusätzlich ein YouTube-Video zu dem Thema veröffentlicht.

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3 Gedanken zu „Der Wahl-O-Manipulator

  1. Hallo Robert,

    Sie können nach dem Beantworten der Fragen, sowie der Auswahl der Parteien, jederzeit auf die Auswahl für die Parteien zurückkehren. So kann man doch relativ schnell einen Überblick bekommen.

    Dennoch stimme ich Ihnen zu, daß tendenziell die vorderen Parteien begünstigt werden, da es sicher einigen nicht auffallen wird.

    Gruß Sebastian

    1. Hallo Sebastian,

      das stimmt. Allerdings muss man dann immer noch die Ergebnisse von jeder Auswahl zusammenführen, um eine Gesamt-Auflistung zu erhalten. Den Aufwand dafür werden die meisten Bürger wohl kaum betreiben. Viele Liberale werden daher nicht auf die Partei der Vernunft aufmerksam, und viele Konservative werden die AfD nicht in die Auswahl nehmen (“Rechtspopulisten”) etc.

      Gruß,
      Robert

  2. Hallo Robert,

    diese subtile Manipulation ist (leider) vorhanden.

    Dennoch hat man hier einen sehr guten Überblick. Bleibt zu hoffen, daß die Deutschen in den letzten 10 Jahren genug gelernt haben (Stichwort: Wahrheitsbewegung, Alternative Medien). In meinen Augen ist die Frage der Mündigkeit jedes Einzelnen der Schlüssel. Ist dieser nicht mündig, so fehlt die Voraussetzung zu echter Demokratie. Was diese sein soll, will ich jedoch offen lassen. Es wurde viel darüber geredet und geschrieben. Es wäre schön, wenn man (auch noch) in Zukunft frei darüber sprechen könnte.

    Allerdings sehe ich Wolken am Horizont. Die Zeichen stehen auf Sturm. Irgendwann ist die Zeit gekommen, sich auf diesen vorzubereiten. Sonst läuft man Gefahr im Regen zu stehen, oder wenn man Pech (oder Glück) hat trifft einen auch noch der Blitz.

    Ich sehe das sehr pragmatisch. Es ist zwar um jedes einzelne Schicksal traurig. Allerdings hat jeder Neuanfang, ich spreche hier aus eigener Erfahrung, eine große Chance. Das ist keine Floskel.

    Nicht umsonst gibt es das Bild des “Phönix aus der Asche”.

    Gruß Sebastian

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