SWR Fake News – Polizistenmord durch einen Schwarzen: „Und irgendwie hat sich ein Schuss gelöst“

Am 8. Mai 2017 wurde im SWR3 in einer „Verkündigungssendung“ der evangelischen Kirche mit dem Titel „Jack Johnson“ eine Falschinformation verbreitet. Bei dem Mord an einem Polizisten hätte sich aus der Waffe von Jack Johnson irgendwie „ein Schuss gelöst“. Für diese Information, die wie ein Fakt dargestellt wird, gibt es keinen Beleg. Meine diesbezügliche Programmbeschwerde wurde mit einer kuriosen Begründung zurückgewiesen: Die subjektive Darstellung des verurteilten Mörders hätte man redaktionell nicht überprüfen können.

Die offizielle Stellungnahme lässt außerdem tief blicken: Man mischt sich seitens der Kirche in komplexe gesellschaftliche Themen ein und befasst sich mit „statistischen Indizien“, die angeblich auf Rassismus hinweisen. Sind Theologen hierfür eigentlich qualifiziert? Und was hat das noch mit „Verkündigung“ zu tun? Liegt vielleicht sogar ein Missbrauch von Kirchengeldern oder Sendezeiten vor?

„Eine Überprüfung der ‚objektiven‘ Richtigkeit seiner Überzeugung war redaktionell nicht möglich“, so Pfarrer Steinmann in seiner Stellungnahme zu meiner Programmbeschwerde. (Herr Steinmann ist der Senderbeauftragte der evangelischen Kirche für die württembergischen und badischen Landeskirchen im SWR.) Die „Überzeugung“ des verurteilten Mörders, welche dieser in einem Interview geäußert hätte, könne redaktionell nicht geprüft werden; eine Begründung hierfür wurde nicht genannt. Als wäre dies nicht schon absurd genug, stellte sich bei meinen eigenen Recherchen schnell heraus, dass es nicht einmal der verurteilte Mörder selbst so darstellt. Die angebliche Überzeugung von Jack Johnson ist offenbar eine alleinige Erfindung der Evangelischen Kirche Mannheim beziehungsweise von der evangelischen Pfarrerin Ilka Sobottke, die den Originalbeitrag zu verantworten hat. Ich hatte bereits am 17. Juli darüber berichtet: Der SWR3 und die rassistische Täter-Opfer-Umkehr der Ev. Kirche Mannheim.

Der SWR hat sich dieser Argumentation von Pfarrer Steinmann allerdings dennoch angeschlossen und meine Programmbeschwerde zurückgewiesen. Demnach kann die objektive Richtigkeit redaktionell nicht geprüft werden. Was sagt das eigentlich über die redaktionelle Kompetenz im Hause des SWR? Wie seriös ist eine Argumentation, die darauf fußt, dass man ohne Angabe eines Grundes die redaktionelle Überprüfung eines Sachverhalts für unmöglich erklärt?

Ich habe aus diesem Grund gemäß der SWR-Satzung beantragt, dass meine Programmbeschwerde vom Fernsehausschuss des Rundfunkrates beraten wird. Dieses Gremium muss nun über meine Programmbeschwerde urteilen. Mein Schreiben an den Rundfunkrat kann hier nachgelesen werden. Ich habe darin die Äußerungen des Pfarrers detailliert analysiert und weitgehend mit Hilfe meiner eigenen Recherche-Ergebnisse widerlegt. Die Original-Zurückweisung meiner Beschwerde habe ich ebenfalls für jedermann zum Nachlesen hochgeladen.

Auf einige erstaunliche Aspekte möchte ich hier noch gesondert eingehen. Man bekommt nämlich den starken Eindruck, dass sich die evangelische Kirche immer weniger mit dem christlichen Glauben und immer mehr mit Politik befasst. Man muss dies auch vor dem Hintergrund des Missbrauchs von Sendezeiten sehen. Die Kirchen sollten die Sendezeit, die ihnen von den öffentlich-rechtlichen Sendern eingeräumt wird, eigentlich für die Verkündigung des Christentums nutzen. Augenscheinlich wird jedoch in immer stärkerem Maße eine politische Agenda verfolgt. Wenn unter meinen Lesern Rechtsanwälte mit einschlägigen Kenntnissen sind, bitte ich sie, mir eine Einschätzung zukommen zu lassen (gerne in den Kommentaren).

In seiner Stellungnahme erklärte Pfarrer Steinmann beispielsweise den Kontext, in welchem der Beitrag entstanden war. Die evangelische Gemeinde Mannheim besuchte damals eine schwarze Kirchengemeinde in Chicago. Man wollte sich mit Rassismus gegen Schwarze auseinandersetzen. Dabei kam das Interview mit dem verurteilten Mörder Jack Johnson zustande. Zitat:

„Einer der Hauptpunkte des Besuchs war, sich über Erfahrungen von Rassismus gegenüber Afroamerikanern zu informieren und diese in Interviews zu dokumentieren. Genauso wie über das Trainingsprogramm der Gemeinde für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, in dem deeskalierendes Verhalten für die Begegnung der Rassen eingeübt wird.“

Wie bitte? Es gibt ein „Trainingsprogramm“ der Gemeinde zur Einübung von deeskalierendem Verhalten für die „Begegnung der Rassen“? Das klingt für mich überhaupt nicht nach einem Themenkomplex, der in einem erkennbaren Zusammenhang zur Ev. Kirche, der Bibel oder dem Christentum im Allgemeinen steht. Zweitens klingt es sehr stark nach politischer Ideologie. Es besteht ein begründeter Verdacht, dass man sich im Namen der Evangelischen Kirche unter Verwendung von Kirchengeldern in politischen Angelegenheiten betätigt und ein spezifisches politisches Weltbild propagiert. Und was soll man sich überhaupt darunter vorstellen? Wozu braucht man ein „Trainingsprogramm“, um „deeskalierendes Verhalten“ einzuüben für die „Begegnung der Rassen“?

Pfarrer Steinmann gibt außerdem folgendes zum Besten:

„Im Fortgang des Beitrags wird die Diagnose eines sich verstärkenden alltäglichen Rassismus in den USA, gerade während der Präsidentschaft von Barack Obama, mit statistischen Indizien begründet.“

Ausgerechnet während der Präsidentschaft des ersten schwarzen Präsidenten der USA soll sich der alltägliche Rassismus in den USA verstärkt haben. Das ist, auf den ersten Blick zumindest, wenig glaubwürdig.

Lieber Herr Steinmann:
Der Begriff „Diagnose“ ist für eine Autorin, die eigentlich Pfarrerin ist, etwas hoch gegriffen. Sie verweisen auf „statistische Indizien“. In welchem Umfang befassen sich Theologie-Studenten und Pfarrer eigentlich mit Statistik im Speziellen und mit wissenschaftlichem Arbeiten im Allgemeinen? Oder anders gefragt: Welche konkrete Qualifikation hat die Autorin – die evangelische Pfarrerin Ilka Sobottke – eine „Diagnose“ über Rassismus in den USA zu treffen? Sogar Journalisten wenden sich in solchen Fällen in der Regel an Experten, die sich beruflich mit diesem Thema befassen und die empirischen Daten genauestens kennen, und geben nicht ihre privaten Erkenntnisse zum Besten.

Zufälligerweise habe ich eine wissenschaftliche Ausbildung genossen und weise Sie gerne auf einen Denkfehler hin: Aus der Tatsache, dass in den USA viermal so viele Schwarze in den Gefängnissen sitzen wie Weiße, kann man nicht die Diagnose ableiten, dass dies an Rassismus gegen Schwarze liegt. Ebenso wenig kann die Aussage bzw. Lebenserfahrung eines einzelnen schwarzen verurteilten Polizistenmörders dafür tauglich sein; selbst dann, wenn er tatsächlich Rassismus erfahren haben sollte, lässt dies noch keinen Schluss auf die Gesamtverhältnisse in den USA zu, denn es handelt sich nur um die Aussage einer einzelnen Person. Sogar die Studentin selbst, die in dem Beitrag zu Wort kommt, hat dies intuitiv verstanden, indem sie die Vermutung äußerte, dass die Schwarzen in den USA vielleicht einfach krimineller sind, und sich dadurch die Differenz erklären lässt. Tatsächlich zeigen die Kriminalstatistiken der USA regelmäßig, dass die Schwarzen vielfach krimineller sind als Weiße und Asiaten. In 2013 beispielsweise haben Schwarze 12 Mal häufiger Nicht-Schwarze ermordet als umgekehrt; insgesamt haben Sie 6 Mal häufiger Mord begangen als Nicht-Schwarze (Quelle: Color of Crime, New Century Foundation, 2016). Weiße in den USA wiederum sind geringfügig krimineller als Asiaten usw. Diese Unterschiede erklären relativ gut die verschiedenen Inhaftierungszahlen. Für die Differenzen der Kriminalitätsraten zwischen den Ethnien kann es unter anderem sozioökonomische und kulturelle Gründe geben. Auch in Deutschland lassen sich so vielleicht die drastischen Unterschiede erklären: Laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2016 des Bundeskriminalamts waren Ausländer 4,8 Mal krimineller in puncto Mord als Deutsche; bei Asylbewerbern im Speziellen liegt der Faktor bei 10,6. Bei Gruppenvergewaltigung liegen die Faktoren übrigens bei 10,3 (Ausländer) beziehungsweise 42,7 (Asylbewerber) gegenüber Deutschen. Eine gute Einleitung in das Thema in Bezug auf die USA, mit vielen Quellenangaben, bietet wieder die englische Wikipedia im Artikel „Race and crime in the United States“. Noch ein letzter Punkt: Sie meinen, die statistischen Indizien, die im Beitrag genannt werden, weisen auf einen sich verstärkenden Rassismus hin, also auf einen Trend. Allerdings stellen die genannten Zahlen nur eine Momentaufnahme dar. Um eine Aussage über die Existenz eines Trends treffen zu können, sind Daten erforderlich, die zu mindestens zwei verschiedenen Zeitpunkten erhoben wurden. Sie können hierzu beispielsweise die Inhaftierungszahlen von vor 10 Jahren mit den heutigen Zahlen gegenüberstellen.

Sie werden nun sicher verstanden haben, dass diese gesamte Fragestellung hochkomplex ist und dass Sie dem Thema mit einer monokausalen Rassismus-Diagnose nicht gerecht werden. Abgesehen davon spreche ich religiösen Würdenträgern die Qualifikation ab, sich überhaupt professionell mit diesem Thema zu befassen und ich spreche ihnen weiterhin die Berechtigung ab, eine private „Diagnose“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu verbreiten und diese auch noch als religiöse „Verkündigung“ zu tarnen. Sie können natürlich persönlich gerne „glauben“, dass es allein an Rassismus liegt, und Sie dürfen auch persönlich den Aussagen eines verurteilten Mörders Glauben schenken, ohne diese zu hinterfragen. Der Glaube ist schließlich Privatsache.

Oder haben Sie vielleicht eine journalistische oder wissenschaftliche Ausbildung? Was qualifiziert Sie, zu recherchieren und zu entscheiden, ob ein Mordurteil, das vor über 40 Jahren gefällt wurde, gerechtfertigt war oder nicht? Haben Sie einschlägige Kenntnisse vom US-amerikanischen Strafrecht? Was qualifiziert Sie dazu, über das quantitative Ausmaß und die qualitativen Ursachen von Rassismus in einem anderen Land, den USA, zu urteilen?

Es steht zudem der Verdacht im Raum, dass Sie Ihre politischen Sichtweisen beziehungsweise „Diagnosen“ an Gruppen von Studenten vermitteln. Geschieht dies etwa auch unter Verwendung von Kirchengeldern? Eine Legitimation dafür kann ich mir kaum vorstellen.

Anhand der vielen Falschinformationen und Fehlschlüsse, die sowohl im Original-Beitrag als auch in Ihrer Stellungnahme vorkommen, und des damit zur Schau getretenen Mangels an journalistischer, wissenschaftlicher und redaktioneller Kompetenz, komme ich nicht umhin, Ihnen folgenden Vorschlag zu machen:
Vielleicht sollten Sie bzw. Ihre Pfarrer-Kollegen sich grundsätzlich wieder mehr auf Ihren Kern besinnen, d.h. die Beschäftigung mit dem Christentum und die Verkündigung desselben. Sie sind schließlich Pfarrer und keine Politiker, Journalisten oder Wissenschaftler.

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